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Beim ersten Termin des Workshops (Teil 1) haben wir u.a. über das dreieinige Gehirn nach Paul MacLean und das darauf basierende Handmodell des Gehirns von Daniel Siegel gesprochen. Diese beiden Modelle waren und sind sehr verbreitet und wurden u.a. in meinen Ausbildungen im Somatic Experiencing und zur Trainerin für die SOS-Übungen so gelehrt. Auch in vielen Büchern zu den Nervensystem-Übungen (die auch teilweise auf der kurzen Literaturliste stehen), werden diese Modelle benannt und genutzt.
Nun hat mich vor wenigen Tagen die Information erreicht, dass das dreieinige Gehirn – also das Modell für die Entwicklung des Gehirns – sich zwar noch hartnäckig hält, aber eigentlich nicht mehr dem aktuellen Stand der Hirnforschung entspricht. Da auch ich Euch dieses Modell weitergegeben habe, möchte ich Euch gerne an meinem neuen Kenntnisstand teilhaben lassen.
Als Leseempfehlung zum aktuelleren Stand der Hirnforschung wurde mir das Buch “Siebeneinhalb Lektionen über das Gehirn” von Lisa Feldman Barrett empfohlen. Reingeblättert habe ich schon, zum in Ruhe lesen bin ich allerdings noch nicht gekommen. Aber das 2. Kapitel trägt den Namen “Sie haben EIN Gehirn (nicht drei)” und beschäftigt sich genau damit, dass das dreieinige Gehirn nicht mehr der aktuellen Forschung entspricht.
Das Gehirn besteht nicht aus unterschiedlichen Bereichen, die früher oder später entwickelt wurden/entstanden sind und unterschiedliche Funktionsfähigkeiten mit sich bringen, sondern das Gehirn funktioniert als Ganzes. Es ist ein großes Netzwerk von Zellen, wo es nicht unbedingt einzelne Bereiche gibt, die bestimmte Dinge können, sondern das Gehirn profitiert von dieser Vernetzung. Lisa Feldman Barrett nutzt das Bild der Körperbuchführung, die im Laufe der Evolution immer komplexer geworden ist, je komplexer die Geschöpfe wurden. Während bei primitiveren Lebensformen nur ein “Girokonto zu verwalten” ist, ist unsere “Körperbuchführung vergleichbar mit der Buchhaltung eines multinationalen Konzerns – und dieser Aufgabe ist unser Gehirn gewachsen”.
Damit verliert natürlich auch das Handmodell nach Daniel Siegel, dass sich auf die drei Hirnbereiche des dreieinigen Gehirns – also auf die Annahme der drei nacheinander entwickelten Gehirnbereiche – bezieht, seine Grundlage. Gleichzeitig ist das Handmodell ein anschauliches, edukatives Modell, das sehr hilfreich ist, um zu verstehen, was bei Stress ggf. geschieht. Deswegen hat Katie Bohnet entschieden, daraus das Handmodell der Gehirnfunktionen zu machen, so dass es uns weiterhin die Funktionsweise veranschaulicht, aber eben jetzt ohne Bezug zum Aufbau unseres Gehirns.
Konkret heißt das:
- Handfläche/ Handteller – ursprünglich dem Stammhirn zugeordnet, repräsentiert jetzt den Funktionsbereich unsere grundlegenden Körperfunktionen wie z.B. Herzschlag, Atmung, (Schutz-)Reflexe, Verdauung, Diese Prozess laufen unbewusst ab.
- Daumen – ursprünglich dem Limbischen System zugeordnet, repräsentiert jetzt die Funktionalität der emotionalen Verarbeitung (Gefühle, Bindung, …), die Funktion der Amygdala als Instanz, die einschätzt, ob es sicher oder gefährlich ist, und des Hippocampus, der einen Bezug zum Kontext und zum Hier & Jetzt herstellt.
- Finger – ursprünglich dem Neokortex zugeorndet, repräsentieren die höheren Funktionen wie z.B. Sprache, kognitives Denken, Planung, Impulskontrolle, soziale Vernetzung.
Wie ihr seht, sind diese Funktionsbereiche im Grunde identisch zu den Funktionen, die vorher in die drei “Kategorien” Stammhirn, Limbisches System und Neokortex eingeordnet wurden und wir besprochen haben. Um deutlich zu machen, dass diese drei Kategorien KEINEN Bezug zu bestimmten Gehirnbereichen haben, wurden sie jetzt umbenannt und heißen einfach nach den jeweiligen Funktionsfähigkeiten: grundlegende Körperfunktionen, emotionale Verarbeitung (inkl. Amygdala und Hippocampus) und höhere Funktionen. So können wir das Handmodell (der Gehirnfunktionen) wie bisher nutzen, um zu veranschaulichen, dass bei Stress und Gefahr nicht immer alle Bereiche “online” sind.
Ich hoffe, diese Information ist für Euch hilfreich und ich habe Euch nicht damit verwirrt. |